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Es war einmal ein Kloster. In diesem Kloster lernten die Mönche lesen und schreiben. Und sie hatten Freude am Gesang. So sammelten sie Lieder. Geistliche Lieder und weltliche Lieder. Lateinische Lieder und mittelhochdeutsche Lieder. Lieder vom Glück und der Liebe, vom Frühling, von Wirtshäusern, in denen gesoffen und das Leid für eine Weile vergessen wurde und von der Leidenschaft einer wunderbaren Beziehung. Und sie fassten 250 dieser Lieder in einer Liedersammlung zusammen. Bis diese Sammlung in ihrer Bibliothek in Vergessenheit geriet.

 
Keiner wusste mehr von diesen Liedern, als Napoleon im Jahr 1803 das Kloster auflöste und ein Archivar diese handgeschriebene Liedersammlung in ein staatliches Archiv mitnahm. Dort schlummerten die Lieder, bis ein Bibliothekar sie entdeckte und 1847 drucken ließ und veröffentlichte. Nun konnten plötzlich alle, die sich dafür interessierten, die alten Lieder neu entdecken. So erlebte diese uralte Dichtung nach über 600 Jahren eine Geschichte des Neuanfangs.

 
Es war einmal ein Junge. Der wuchs in einer Offiziersfamilie auf. Sein Vater war Offizier und seine beiden Großväter waren Offiziere. Wenn er morgens Musik hörte, dann war es die Marschmusik der Militärkapelle, die vor dem Haus übte. Wenn er mittags Musik hörte, dann waren es die Volkslieder der Kochfrau, die im Haus angestellt war. Wenn er abends Musik hörte, dann waren es Klavierstücke und die Hausmusik seiner Eltern, die oft vierhändig Klavier spielten. Er beschloss Musiker zu werden, denn das Militärische lag ihm nicht.

 
Er heiratete, aber seine Frau, eine berühmte Sängerin, verließ ihn und so blieb er mit einem kleinen Töchterchen allein. Er hatte Liebesaffären, aber die erfüllten ihn nicht. Da entdeckte er in einem Katalog die gedruckte Liedersammlung aus dem Kloster, bestellte sie und fing noch am gleichen Tag, als sie ins Haus geliefert wurde, damit an, sie zu vertonen. Er wählte von den 250 Liedern 25 aus und erzählte mit ihnen eine Geschichte von Glück, Frühling, Sehnsucht, Enttäuschung, Verzweiflung, Liebe und wieder Glück. Er ließ die Texte einen Kreis beschreiben, einen Lebenskreis, bei dem es um den Menschen geht, der immer wieder am Anfang steht, der immer wieder neu anfangen kann und bei dem alles in Bewegung bleibt.

 
Es war einmal ein Land. Das wurde von einem Diktator beherrscht. Und alles musste sich ihm unterordnen. Alle Menschen, alle Musik und alle Kunst. Sogar die Christen sollten dem Diktator Ehre erweisen. Und wer es nicht tat, musste Angst haben vor der Gewalt und der Willkür dieses Herrschers. Und die Menschen fürchteten sich und die Künstler malten Bilder, wie es der Diktator wollte und die Musiker komponierten, wie der Diktator es wollte. Viele flohen, viele verstummten.

 
Aber jener Musiker, der die Musik der Offiziere und die Volksmusik und die Hausmusik gut kannte, nahm die alte Liedersammlung des Klosters und komponierte Militärmusik, nach der kein Soldat marschieren konnte, er komponierte Volksmusik, die von Freude, statt von Angst erzählte und er komponierte in witzigen und ungewohnten Rhythmen, die von Liebe sprachen, die größer ist als aller Vaterlandsstolz. Das alles so vorsichtig und in einer Sprache, die nur eingeweihte verstanden, dass der Diktator es nicht verbieten konnte. So ließ er die Menschen hoffen von einem Neuanfang, wenn die Zeit des Diktators vorbei sein wird.

 
Es war einmal… ein Kloster, das hieß Benediktbeuren, oder latein: Bura Sancti Benedicti. In diesem bayrischen Kloster wurden die alten Lieder gesammelt. Liedersammlung heißt auf Latein: Carmina. Deshalb hieß diese Liedersammlung aus dem Bura Sancti Benedicti: Carmina Burana.

 
Es war einmal… ein Junge, der hieß Carl Orff. Die Musik, die er als Junge gehört hat, hat ihn ein Leben lang begleitet. Aber er hat keine Musik so belassen, wie sie war. Er hat immer etwas ganz Neues daraus gemacht.
 
Es war einmal… ein Land, das war Deutschland in den 30iger Jahren. Carl Orff war kein Regimegegner unter den Nazis. Aber er hat auch nie die Naziideologie geteilt. Er war befreundet mit einem Mitglied der Weißen Rose, aber hat auch jede öffentliche Kritik am Dritten Reich vermieden.

 
Carl Orff hat mit seiner Musik die Carmina Burana bekannt und berühmt gemacht. Inmitten einer Zeit des Gleichschritts hat er tänzerische Musik mit Schellen, Glocken und Tamburinrhythmen gemacht. Er hat uralte Texte von Liebe, Enttäuschung und Sehnsucht in den Mittelpunkt gestellt und damit den Lebenskreis beschrieben, der immer wieder von Neuanfängen erzählt, auch nach dunklen und schweren Zeiten.

 
Am 3. September 2023 musizierte ein Projektchor mit der Burger Kantorei, dem Telemannchor Magdeburg, zahlreichen Musikerinnen und Musikern und Solisten unter der Leitung von Kreiskantorin Cornelia Frenkel die Carmina Burana von Carl Orff in der Kirche Unser Lieben Frauen zu Burg.
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