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Gib mir Zeit! Mit diesen Worten lässt sich ein spannendes Kapitel in der Bibel zusammenfassen. Gib mir Zeit! So betet der König Hiskia. Er betet mit vielen Worten, es ist ein eindringliches, ein erschütterndes Gebet, das der Prophet Jesaja von seinem König überliefert: „Meine Hütte ist abgebrochen und über mir weggenommen wie eines Hirten Zelt. Zu Ende gewebt hab ich mein Leben wie ein Weber; abgeschnitten ist der Faden.“
So beklagt der König Hiskia seine Situation. Was war los? Hiskia war krank geworden. So schwer krank, dass alle dachten, er müsse sterben. Er betet: „Meine Augen sehen verlangend nach oben: Herr, ich leide Not, tritt für mich ein!“

Und Hiskia wird schließlich wieder gesund. Er fühlt sich wie neu geboren. Er hat das Gefühl, alles, was auf ihm lastete, ist wie weggewischt. Er hatte sich Vorwürfe gemacht, hat die Schuld bei sich selbst gesucht und seine Heilung schließlich erlebt er wie ein Geschenk von Gott, wie eine Neugeburt. Er dankt Gott: „Du wirfst alle meine Sünden hinter dich zurück!“
Hiskia darf noch einmal neu beginnen, so fühlt er sich! Und sein Gebet endet mit den Worten: „Die da leben, loben dich so wie ich heute! Der Herr hat mir geholfen.“ Ende gut, alles gut? Keinesfalls! Hiskia war krank und ist gesund geworden. Ja, das schon. Aber um ihn herum hatte sich längst alles verändert.
Hiskia lebte in einer Umbruchzeit! Als junger Mann war er König von Juda geworden. Dann kam von Norden her ein mächtiger Feind: Die Assyrer eroberten zuerst das Nordreich und Hiskia musste als König des Südreiches Juda zusehen und konnte nicht helfen. Die Assyrer erklärten auch ihm den Krieg, eroberten alle Städte im Königreich Juda und belagerten Jerusalem. Wie schwach stand Hiskia jetzt da! Nun gut, er hatte die Stadtmauern von Jerusalem verstärkt, er hatte die Trinkwasserversorgung auch während der Belagerung sichergestellt und er hatte den Assyrern die Stirn geboten.
Und tatsächlich, die Assyrer brachen die Belagerung ab. Aber was war von der früheren Pracht geblieben? Das Land war zerstört, alle anderen Städte dem Feind zum Opfer gefallen. Das einst große stolze Königtum war zu einer kleinen Stadtfestung zusammengeschrumpft
  

In diesem Moment wird Hiskia krank. Es ist wie ein persönlicher Zusammenbruch nach dem ganzen politischen Zusammenbruch, den er gerade erlebt hat. Können wir ihn jetzt vielleicht besser verstehen, wenn er betet: Meine Hütte ist abgebrochen und über mir weggenommen wie eines Hirten Zelt. Zu Ende gewebt hab ich mein Leben wie ein Weber; abgeschnitten ist der Faden.
Hiskia kann nicht mehr! Seine Kräfte liegen am Boden, wie sein ganzes Land am Boden liegt. Und worum bittet er nun? Meine Augen sehen verlangend nach oben, sagt er: Herr, ich leide Not, tritt für mich ein! Hiskia bleibt im Gebet ganz bei sich selbst. Er bittet nicht darum, dass alles um ihn herum wieder so wie früher wird! Er bittet nicht darum, dass das alte Königtum in seiner Herrlichkeit wieder ersteht! Er bittet nicht darum, dass die assyrischen Feinde vernichtet werden. Er bittet nur darum: Gib mir Zeit!
Hiskia ist jemand, der die Umbrüche, die er erlebt, annehmen und hinnehmen möchte. Er hat das Mögliche getan. Jetzt heißt es, akzeptieren, was unveränderlich ist. Aber er will daran nicht krank werden. Er will daran nicht verzweifeln. Er will leben, will gestalten, was ihm möglich geblieben ist, will er noch tun.

Mit seinen Worten: „Die da leben, loben dich so wie ich heute!“, gibt Hiskia dem Leben eine neue Bedeutung. Leben ist für ihn nicht Festhalten an dem was war. Leben ist für ihn Zeit haben, die Veränderungen mitzumachen, mitzugestalten, teil zu haben.
Mit diesem Blick von Hiskia können wir bis heute das Leben mit all den Veränderungen und Umbrüchen ganz anders annehmen. Ob im Persönlichen oder im großen Ganzen der Gesellschaft oder in der Welt. Wir erleben Umbrüche, Abbrüche von Gewohntem, neue Probleme, die sich plötzlich auftürmen.  
Für die einen ist es der Preis an der Tankstelle, für die anderen ist es die Funkstille, wenn Facebook & Co auf einmal ausgeschaltet sind, für wieder andere ist es das radikale Umdenken, weil unsere Welt und das Klima endgültig an einem Scheideweg stehen, oder der zunehmende Bedeutungsverlust von Kirche und Religionen unter den Menschen. Es kann aber auch eine Beziehungskrise oder das Gespür sein, die eigenen Kräfte stoßen an Grenzen.

Hiskia würde sagen: Versuche nicht, dir die Welt nach deinen Wünschen zurechtzubiegen. Sondern wünsche dir Zeit von Gott, die Veränderung zu verstehen, sie zu gestalten und sie für dich anzunehmen. Das ist Leben, das ist ein Geschenk Gottes, wenn uns das gelingt.

Ihr Pfr. Peter Gümbel
  
Gebet

Gib mir Zeit, Gott! Dass ich verstehe, was sich um mich herum verändert. Dass ich mitgehen kann, wo Veränderungen nötig sind. Dass ich mitgestalten kann, wo Neuanfänge gewagt werden müssen.
Gib mir Zeit, Gott! Dass ich begreife, wo meine Kräfte nicht mehr reichen. Dass ich annehmen kann, wo ich mich selbst verändere. Dass ich das Leben sehen kann, wo das Vertraute plötzlich wegbricht und alles offen ist.

Gib mir Zeit, Gott! Dass ich nicht nur klage, sondern nach neuen Antworten suche. Dass ich nicht nur verzage, sondern den Weg einschlage, der sich vor mir neu öffnet. Dass ich die Tür suche, die noch keiner versucht hat zu öffnen.

Gib mir Zeit, Gott! Dass ich dich lobe, wo andere dich vergessen. Dass ich dich entdecke, wo andere nicht mehr nach dir suchen. Dass ich an die festhalte, wo alles Mögliche in unserer Welt Halt verspricht und doch keinen Halt geben kann. Amen

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