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„Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Dieser Spruch aus der Bergpredigt passt wunderbar zum Pfinstfest. Denn Pfingsten bedeutet doch: ein neuer Geist ist unter uns! Ein heiliger Geist bewegt uns und brennt in uns! Wie könnte man diesen neuen heiligen Geist besser beschreiben, als dass er Frieden bringt!

Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen. Mehr braucht es nicht. Alles, was die Menschen noch hinzufügen, führt in die Irre. Die Friedfertigen werden Gottes Kinder heißen! Nicht die mit einer bestimmten Hautfarbe geboren sind, sind Gottes Kinder. Nicht die, die zu einer bestimmten Nation gehören, sind automatisch Gottes Kinder. Nicht die, die einer bestimmten Religion angehören, werden Gottes Kinder heißen, sondern die Friedfertigen!

Die Friedfertigen aus allen Religionen! Die Friedfertigen aus allen Ländern der Welt. Die Friedfertigen aus allen Schichten der Gesellschaft. Die friedfertigen Schwarzen und Weißen aus Minneapolis und die friedfertigen Flüchtlinge aus Eritrea. Die friedfertigen Demonstranten und die friedfertigen Zeitungsleser. Die friedfertigen Mütter und Väter und die friedfertigen Heranwachsenden.

Selig sind alle Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen. Aus diesem Geist heraus entwickelte sich die Urgemeinde damals nach dem Pfingstfest, das die Apostelgeschichte beschreibt, tatsächlich als eine Bewegung, die Grenzen überwand und Menschen ganz verschiedener sozialer und nationaler Herkunft in einer Gemeinschaft zusammenbrachte. Das war neu in der Antike und war ein Grund dafür, dass das Christentum für viele sehr attraktiv war.



Dieser Grenzen überwindende Geist muss immer wieder in den Menschen brennen. Sonst ist er nicht zu spüren. Leider hat die Geschichte immer wieder gezeigt, dass die Menschheit und das Christentum oft diesen Geist verraten hat und sich überhaupt nicht friedfertig gezeigt hat.

Aber wir brauchen diesen Heiligen Geist des Friedens und des friedfertigen Miteinanders. Jede und jeder von uns steht jeden Tag vor kleinen und großen Entscheidungen an denen sich zeigt, in welchem Geist wir handeln und welcher Geist uns antreibt.

Doch ist der Geist des Friedens alltagstauglich? Funktioniert er im ganz normalen Alltag? Es gibt zwei ganz verschiedene Arten, wie Menschen früher und heute Frieden gemacht haben.

Die erste war ganz besonders bei kleinen und großen Königen beliebt. Das ging zum Beispiel so: In Holland gab es einmal 1787 einen Streit zwischen denen, die wollten, alles soll so bleiben, wie es war, und denen, die mehr in der Politik mitbestimmen wollten. Der Streit war friedlich, aber es ging um sehr viel. Man bedrohte sich gegenseitig und als sich die Fürstin Wilhelmine einmischte, hat man sie kurzerhand in einem Gasthaus unter Arrest gesetzt. Der Fürst war aufgebracht, aber konnte nichts gegen die Revolutionäre machen. Deshalb rief er den Bruder der Fürstin zu Hilfe, der praktischerweise der König von Preußen war. Der kam mit einem gewaltigen Heer anmarschiert und die Revolutionäre sahen sofort ein, dass Kämpfen hier keinen Sinn hat und so kam die Fürstin frei und alles blieb beim Alten. Keine Verhandlung, kein Gespräch, sondern einfach nur: einer bestimmt, wo es lang geht.



Der preußische König war so stolz auf seine glänzende Leistung, dass er den größten Architekten in Berlin beauftragte, ein Friedenstor für ihn zu bauen. Aus diesem Grund ist das Brandenburger Tor in Berlin gebaut worden. Frieden im Sinne des preußischen Königs bedeutete: Alles hört auf mein Kommando. Es ist ein fauler Friede und er hat auch in diesem Beispiel nur kurz gehalten, denn schon bald verscheuchten die Revolutionäre mit Hilfe Napoleons den holländischen Fürsten samt Frau und Familie.

Frieden nach dem Motto: alles hört auf mein Kommando, ist manchmal eine schnelle Lösung, aber oft ist dieser Friede nicht von Dauer und viele fühlen sich von diesem Frieden ausgeschlossen.

Es gibt eine zweite Art, wie Frieden entstehen kann. Die ist nicht so schnell aber enorm effektiv. So beschreibt es der Journalist Bastian Berbner (Geschichten gegen den Hass, C.H.Beck). Er ist bei seiner Arbeit für eine große deutsche Wochenzeitung auf verschiedene Geschichten gestoßen, wo Menschen aus einer Krise heraus zum Frieden gefunden haben. Oft stand am Anfang ein Hass auf den anderen und plötzlich verwandelte sich die Situation. Er ist diesen Geschichten nachgegangen und hat eine ganz logische Erklärung für diese Verwandlung von Hass zum Frieden gefunden. Er sagt: Menschen werden friedfertig, wenn sie Kontakt miteinander haben. Das schlimmste ist, wenn man nur über den anderen redet und urteilt. Alles verändert sich, wo Menschen zusammenkommen und sich kennenlernen.

Er hat ganz viele Beispiele dazu recherchiert und sie in einem Buch zusammengestellt. Zum Beispiel über das afrikanische Land Botswana, das nach der Kolonialzeit in Stammeskonflikten unterzugehen drohte. Die Menschen waren arm und die Bildung schlecht. Heute ist Botswana ein Vorzeigeland in Afrika und die Korruption ist niedriger als in manchem europäischen Land. Das Geheimnis war, dass die Regierung seit Jahrzehnten die Beamten, Lehrer, Richter, Polizisten im ganzen Land verteilt. Keiner bleibt dort, wo er aufgewachsen ist. Jeder soll andere Menschen, andere Stämme und andere Mentalitäten kennenlernen. Diese Politik hat das ganze Land geprägt und verändert.

Bastian Berbner erzählt von vielen solchen Beispielen überall auf der Welt, natürlich auch von den damit zusammenhängenden Schwierigkeiten und Rückschlägen, aber sein Ergebnis ist immer: Kontakte überwinden Hass. Kontakte schaffen Frieden. Ob in der Nachbarschaft, im Beruf oder in der Schule. Wo Menschen nur in der eigenen Clique bleiben, wächst Spannung. Wo Menschen sich besser kennenlernen, wächst Friedfertigkeit und entstehen Lösungen.



Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen. Ein neuer Geist, ein Heiliger Geist soll in uns brennen. Der Geist des Friedens. Wir können ihn jeden Tag ausprobieren, ihn einüben, mit ihm Erfahrung sammeln. Alles hört auf mein Kommando eignet sich nicht dafür. Stattdessen: den anderen kennenlernen, Kontakt suchen, aufeinander hören, das stiftet Frieden.

Ein frohes Pfingstfest wünscht

Pfarrer Peter Gümbel

 

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