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Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. (Hebr. 13,2)

Die Monate seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie haben gezeigt, wie das Leben darunter leidet, wenn Besuche plötzlich nicht mehr möglich sind. Wenn Mutter oder Vater im Pflegeheim sind, und man sie nicht in den Arm nehmen kann. Wenn die Ehefrau oder der Ehemann im Krankenhaus liegt, und Besuchsverbot herrscht. Wenn die Freundin oder der Freund in Amerika ist und man nicht hinkommt, weil einem die Einreise verweigert wird.



Plötzlich haben wir gemerkt, wie kostbar und wie wichtig für das Leben Besuche sind. Und wie unterschiedlich kann es sein. Ein paar Beispiele:

Zwei Klassenkameradinnen treffen sich nach 40 Jahren zum ersten Mal. Und da ist nichts Fremdes zwischen ihnen, es ist, als hätten sie bis gestern nebeneinander auf der Schulbank gesessen. Besuche können uralte Erinnerungen auffrischen.

Oder: Die Tante aus Brasilien kommt mit 85 Jahren das erste Mal nach Deutschland und besucht hier ihre Verwandtschaft. Plötzlich wird aus den Bildern und Erzählungen, die man von ihr kennt, ein lebendiger Mensch, eine beeindruckende Frau, und man sagt sich, schade, dass wir uns nicht schon viel früher besucht haben. Besuche können unbekannte Schicksale einander nahebringen.

Oder: Zachäus schaut sich von Ferne den Tumult an. Wer ist dieser Jesus, von dem sie alle reden, denkt er. Dann sieht Zachäus, wie Jesus auf ihn zukommt. Was will er von mir? Er kommt mich besuchen, mich, mit dem niemand sonst zu tun haben will! Ein Grund, das eigene Leben zu überdenken. Besuche können neue Türen im Leben öffnen.

Oder: Abraham sitzt in der Mittagssonne vor seinem Zelt. Da kommen drei Männer zu Besuch. Er bewirtet sie und sie erneuern die große Verheißung an ihn, über die Sara aufgrund ihres Alters nur lachen kann: jetzt noch Nachkommen? Die Besucher gehen und Abraham begleitet sie ein Stück. Dabei erfährt er, die Städte Sodom und Gomorra werden zerstört werden. Abraham versucht, für die wenigen Gerechten in der Stadt einzutreten. Alles in allem ein geheimnisvoller Besuch voller Rätsel. Besuche können Fragen aufwerfen und die Gedanken neu lenken.



Im Hebräerbrief steht der Satz: Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Das heißt, Besuche können von Gott gesandte Erfahrungen sein, die unser Leben berühren. Da werden tief in uns ruhende Erinnerungen angerührt, Schicksale einander nahegebracht, neue Türen im Leben geöffnet und Fragen aufgeworfen, Gedanken neu gelenkt.

Man kann das ganze Leben aus diesem Blickwinkel betrachten: Gastfrei sein für Erfahrungen, über die wir nicht einfach verfügen können, die kommen und gehen. Das Leben nicht selbstverständlich so hinnehmen, sondern es als Überraschungsbesuch verstehen, der an die Tür klopft und sagt: Hallo, heute will ich bei dir zu Gast sein! Und plötzlich sieht der Tag ganz anders aus!

Im Einkehrhaus vom Kloster Münsterschwarzach, das viele mit Anselm Grün verbinden, hat auch Wunibald Müller lange Zeit als Theologe und Psychotherapeut gearbeitet. Er beschreibt in einem Buch*, wie er beschlossen hat, nicht mehr davon auszugehen, dass Gott einfach in seinem Leben ist. Er wollte einmal alles, was er bisher über Gott so selbstverständlich gedacht und gesagt hat, in Frage stellen. Vielleicht gibt es Gott ja gar nicht! Woher sich da so sicher sein? Er wollte eine Zeitlang ganz bewusst ohne Gott leben und darauf warten, ob Gott ihn dann besucht!



Deshalb reiste er nach Israel an den See Genezareth. Dort wurde er von befreundeten Mönchen aufgenommen, die ihn aber in Ruhe ließen. Er saß nur am See Genezareth und wollte die Stille und die Einsamkeit genießen. Kommt Gott zu Besuch? Er begann zu warten.

Auf Besuch warten. Das kann unruhig machen. Das kann aber auch Zeit schaffen, noch ein bisschen aufzuräumen. Und Wunibald Müller begann aufzuräumen. In seinem Innern räumte er auf mit alten Bildern, die eigentlich nicht mehr in sein Leben passten. Gottesbilder, die er irgendwann in sich gesammelt hatte, oder andere ihm gegeben haben. Auf Vieles konnte er verzichten, bei manchem war er sogar froh, dass er nun einen unverstellten und freieren Blick bekam.

Er machte Spaziergänge durch die Orte am See Genezareth und nun, wo alte Gottesbilder weggeräumt waren, entdeckte er den Jesus neu, der ihm wie ein neuer Gast im Leben erschien: Jesus als Mensch, der ganz einfach und zugewandt bei den Menschen seiner Zeit war, voller Hingabe, ohne großes Aufsehen, ganz persönlich. Wunibald Müller entdeckte die Stille, die Ruhe, den Frieden als neue Besucher in seinem Leben. Erinnerungen an alte vertraute Texte kamen in ihm hoch und er entdeckte sie wieder ganz neu. Ohne Dogma. Ohne die formelhafte Kirchensprache.



Im Rückblick auf diese Zeit am See Genezareth sagt er, er musste Gott loslassen, damit Gott wieder „eine Chance hat, sich mir zu zeigen.“

Später wird er schwer krank. Es fängt erst mit ein paar Beschwerden an, aber dann wird es lebensbedrohlich. Er betet, er bittet um Kraft, aber eine Antwort bleibt aus. Er ist verunsichert. Er schreibt über diese Zeit: „Ich bin verzagt. Müde. Wo bist du, Gott? Du bist mir so fern. Ich bin so leer… Melde dich doch endlich. Wo bist du, wenn es einem so dreckig geht, wie es mir im Moment geht? DU, den ich ein Leben lang meinen Gott nannte.“

Und wieder lernt er loszulassen. Er beschreibt seine wunderbarste Entdeckung, indem er noch einmal loslässt, alles, nichts selbstverständlich nimmt und plötzlich klopft Gott an, wie ein Besuch. Die Abgrundtiefe, die er spürt, ist nicht leer, sondern da ist der Abgrundtiefe, dem er so noch nie begegnet ist. Und Wunibald Müller sagt: „Selten war Gott, warst DU, mir so nahe wie jetzt. Selten habe ich DICH so sehr als einen Teil von mir erfahren wie in diesem Augenblick.“

Was Wunibald Müller hier beschreibt, kann uns Mut machen, viel öfter im Leben loszulassen, um dann offen zu sein für die Erfahrungen, die uns dann besuchen.

 

* Wunibald Müller: Warten auf G. Bekenntnisse eines Suchenden; Echter Verlag Würzburg 2019.


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Anlässlich der Ausstellungseröffnung „Straße der Romanik. Auf den Spuren der Ottonischen Kaiser“ am 19. Juli 2020 in der St. Nicolaikirche zu Burg, sprach Dr. Joachim Scherrieble vom Landesverwaltungsamt zu den Besuchern des Gottesdienstes. Wir geben den Wortlaut seiner Rede, die er in gekürzter Fassung hielt, hier ungekürzt wieder und laden damit herzlich zur Ausstellung ein, die noch bis zum 8. September jeden Montag-Freitag, 15.00-17.00 Uhr, geöffnet ist.