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„Immer wird gemeckert.“ Wer sich an einen solchen Satz erinnern kann, hat vielleicht noch in Erinnerung, ob es dabei um eine Situation in der Familie ging oder um ein Gespräch über Politik und Gesellschaft. Wahrscheinlich ging es nicht darum, dass uns jemand sagen wollte: „Schon immer wurde in der Geschichte der Menschheit gemeckert.“ Aber es ist einmal interessant zu gucken, wie schon früher gemeckert wurde und wie man damit umging. So lesen wir im 2. Buch Mose im 16. Kapitel vom Volk Israel, das vor anderthalb Monaten durch Mose aus der Sklaverei befreit wurde und nun auf dem Weg durch die Wüste ist:

Und es murrte die ganze Gemeinde der Israeliten gegen Mose und Aaron in der Wüste. Und die Israeliten sprachen: „Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des Herrn Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst.“



Und Gott sprach zu Mose: „Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Sage ihnen: Gegen Abend sollt ihr Fleisch zu essen haben und am Morgen von Brot satt werden und sollt innewerden, dass ich, der Herr, euer Gott bin.“

Und am Abend kamen Wachteln herauf und bedeckten das Lager. Und am Morgen lag Tau rings um das Lager. Und als der Tau weg war, siehe, da lag's in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde.

Und als es die Israeliten sahen, sprachen sie untereinander: „Man hu?“ Denn sie wussten nicht, was es war. Mose aber sprach zu ihnen: „Es ist das Brot, das euch der Herr zu essen gegeben hat. Das ist's aber, was der Herr geboten hat: Ein jeder sammle, soviel er zum Essen braucht, einen Krug voll für jeden nach der Zahl der Leute in seinem Zelte.“

Und die Israeliten taten's und sammelten, einer viel, der andere wenig. Aber als man's nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte. Alle hatten gesammelt, soviel sie zum Essen brauchten. Und sie nannten es Manna. Und es war wie weißer Koriandersamen und hatte einen Geschmack wie Semmel mit Honig. (2. Mose 16 – Auszug)



Ich stelle mir Mose vor: auf dem Weg durch die Wüste mit dem Volk, das sich bei Schwierigkeiten, in die es gerät nur eins wünscht: zurück ins alte Leben! Die Menschen sehnen sich wieder zurück in die vertraute Vergangenheit. Aber dabei vergessen sie, dass sie mitten auf einem Weg sind und niemand kann abschätzen, wie lang er dauern wird und wohin er genau führen wird. Es soll einfach wieder so wie früher werden! Wie oft hört Mose diesen Wunsch? Oder ist es kein Wunsch, sondern ein Vorwurf? Wohin sind wir hier geführt worden? Wohin soll das alles noch führen? Ach, wären wir doch in Ägypten geblieben! Dort saßen wir an Fleischtöpfen und hatten genug Brot zu essen.

Aber die Vergangenheit war nicht das Paradies! Haben sie das vergessen, fragt sich Mose sicher. Das Leben war die reinste Sklaverei. Wer hat unseren Alltag bestimmt? Ist all die Ungerechtigkeit, über die wir gestöhnt haben, nicht mehr wahr? Wollen wir in diese zerstörerische Welt zurück? Ja, das alles scheint vergessen. Nichts scheint so schlimm zu sein, wie die Ungewissheit im Moment. Nichts scheint so schwierig zu sein, wie das gegenwärtige Aushalten so vieler offener Fragen!

Gings uns nicht gut? Lieber die Ungerechtigkeit, mit der man irgendwie gelebt hat, als nicht zu wissen, was mich erwartet. Die Schattenseiten sind schnell vergessen. Was früher nicht auszuhalten war, scheint jetzt leicht erträglich. Ach, es war einfach so vertraut, man wusste, woran man war. Jetzt ist alles so offen, so wenig überschaubar.

Mose hört das alles. Er hört das Murren und Schimpfen, das ewige Meckern und die ständige Unzufriedenheit. Was soll er machen? Wenn alle nur meckern, bleibt er stumm. Er sagt nichts. Es ist wie ein stilles Gebet. Eine Hoffnung, dass er es nicht allein tragen muss, diese ganze Verantwortung. Da ist ja noch einer, an den er abgeben kann. Der weiß, wie es in Mose jetzt aussieht. Gott weiß, was Mose sich alles anhören muss. Gott weiß, dass dem sprachlosen Mose jetzt wieder einmal die Worte fehlen und dass Mose auch nicht weiß, wie es weiter geht und schon gar nicht auf alle Fragen Antworten hat und keine Lösung für jedes Problem. Gott weiß es! Und Mose tut es gut, darauf zu vertrauen. Gott kennt mich und meine Sprachlosigkeit, meine Verzagtheit gegenüber den ständig wachsenden Problemen.

 



Und was macht Gott? Er hört zu! Er hört nicht nur das stille Gebet von Mose. Nein, er hört auch auf das Schimpfen und das Meckern. Gott hört es und versteht es. Das ist anders, als erwartet! Gott versteht ihr Murren! Gott verurteilt niemanden. Gott wendet sich nicht ab. Im Gegenteil, Gott wendet sich denen zu, die gerade an allem zweifeln und nichts Positives sehen können. Er hört zu! Und er versteht sie!

Und seine Antwort ist ein Kompromiss. Die Meckerer fordern Fleischtöpfe und Brot in Fülle! Gott aber hat Mose einst versprochen, das Volk in ein fernes Land zu führen. Der Weg soll nicht zurück gehen, sie bleiben auf dem ungewissen und neuen Weg. Gottes Kompromiss ist: täglich Brot, soviel wie nötig, und dazu Fleisch von Wachteln, nicht zu viel. Und alle sammelten täglich, soviel sie zum Essen brauchen. Nicht mehr, nicht weniger. Keine Fleischtöpfe, kein Brot in Fülle. Aber auch nicht nichts. Ein Kompromiss eben. Und so ist wieder eine Krise gelöst. Es wird nicht die letzte Krise für Mose und das Volk sein. Es ist eine von vielen Krisen, die sie auf dem Weg erleben. Aber es ist eine Krise, die sie gemeinsam gemeistert haben.

Und jeder hat seinen Teil dazu beigetragen, dass sie durch diese Krise gekommen sind:

Mose im Aushalten und Ertragen der Kritik, des Meckerns und aller Angriffe.

Gott im guten Zuhören und Wahrnehmen des lauten Murrens und des stillen Gebetes.

Das Volk im täglichen Sammeln des Notwendigen und sie lassen sich darauf ein, weiter auf dem Weg zu sein.

Und alle sammelten täglich, soviel sie zum Leben brauchen. Nicht nur Manna und Wachteln! Auch Erfahrungen bei der Bewältigung der Krise haben sie gesammelt. Täglich!

 



Auch wir haben in den letzten Wochen Krisenerfahrungen gesammelt. Und wir sind noch dabei, wir sind noch auf dem Weg, die Krise ist längst nicht überwunden.

Und es ist vielschichtig und kompliziert. Es geht um Gesundheit und um das Risiko, andere Menschen zu gefährden. Es geht aber auch um Arbeitsplätze und um Existenzen. Es geht um Benachteiligung von Kindern, die längst nicht alle zuhause so gefördert werden können, wie in der Schule. Es geht um Versammlungsfreiheit und Grundrechte. Es geht um unsere Gesellschaft, und in welche Richtung es in Zukunft geht. Es geht um mehr Umweltschutz und mehr Tierwohl. Es geht um unsere Nahrungsmittel und um diejenigen, die sie herstellen. Es geht um Ungerechtigkeit in der Verteilung der Lebensmittel auf unserer Erde und um Ungerechtigkeit bei der Entlohnung von Bauern und ihren Angestellten weltweit. Es geht um die Vision einer gerechteren Zukunft und die Frage, welche Schritte wir als nächstes gehen müssen.

Wir sind auf einem Weg und machen Krisenerfahrungen. Und die Geschichte von Mose und dem Volk auf dem Weg durch die Wüste ist uns gar nicht so fremd. Auch wir erleben das Murren, die Unzufriedenheit, das Meckern und Schimpfen. Wir sind nicht die ersten, die durch eine Krise gehen.

 



Mensch Mose, wie war das noch damals bei dir? Ja, genau, alle haben einen Teil dazu beigetragen, dass sie durch die Krise gekommen sind.

Mose musste sich Kritik anhören, musste einfach aushalten, dass die Menschen verunsichert und beunruhigt waren. Zum Glück hatte er das stille Gebet.

Gott hat ihr Murren ernst genommen. Er hat wahrgenommen, wie groß die Angst in ihren Herzen war und dass der Wunsch zurückzukehren ins alte Leben ein Verzweiflungswunsch war. Zum Glück hatte er einen Kompromiss.

Das Volk nahm viele Einschränkung auf sich. Keine Fleischtöpfe, kein Brot in Fülle. Dafür aber täglich Sammeln des Notwendigen. Und alle sammelten täglich, soviel sie zum Leben brauchten. Das ist eine Einübung in eine große Bescheidenheit und Einfachheit. Eine Bescheidenheit und Einfachheit, die nie leichtfällt. Aber dadurch schafften sie es, auf dem Weg zu bleiben, durch die Krise hindurch. Diese Geschichte ist auch unsere Geschichte.